Das schwere Kreuz mit dem Joch…

…oder – merkwürdige Gedanken jenseits der 2.000Hm-Marke !

Tja, es gibt Rides, da ist man – neben seinen Bikekollegen – auch noch umgeben von wahren Massen mehr oder weniger gleichartig bergbegeisterter Wochenendsportler.
Und dann wiederum – so war`s heute – da ist man ausnahmsweise mal ganz allein auf weiter Flur, sprich, auf windiger Höhe.
Klar, sobald die via Technik gut und entspannt erreichbaren Hütten Ihre Läden dicht gemacht und die zugehörigen Zubringerbahnen ihren sommerlichen Dienst eingestellt haben, nehmen die Touristenströme erfahrungsgemäss rapide ab und kehren meist erst wieder, sobald sich das erste (echte oder künstliche) Weiss auf die Bergflanken gelegt hat.

Genügend Zeit also, um während des gemütlichen Gipfelaufstiegs oder bei gar nicht föhnigem Kalt-Wind am einsamen Gipfel allerlei seltsamen Gedanken nachzuhängen.
Die letzte Tour hat die Frage aufgeworfen, inwieweit wir (Xitrailer) uns den gipfelstürmenden Massen auf engen Pfaden entgegenwerfen dürfen (sollen ? wollen?) oder wo wir verpflichtend das Weite suchen müssen ? Inwieweit haben wir das Recht, uns über die (ev. mit der selben Bahn wie wir hochgeschaukelten) Bergfreunde per Gebirgssandalen zu beschweren und – umgekehrt – inwieweit müssen wir uns denen gegenüber rechtfertigen ?
Klar, Ehrenkodex, Rücksicht, den Massen ausweichen, lieber Natur im Sinne von Flora und (tierischer) Fauna ohne Mensch geniessen. Allein oder – normalerweise bevorzugt – mit gleichgesinnten Kollegen. Aber mal ehrlich – so zwischen den Zeilen: Sind wir den so speziell, so was von extrem (andersartig), den Fusstretern so ein Dorn im Auge ?
Die Praxis sagt zumeist: Eigentlich Nein. Da zum Zwist immer 2 Parteien gehören, hält sich der unfriedliche Kontakt meist in Grenzen, Konflikte bilden (zu beiderseitigem Glück) `noch` die Ausnahme. Sind also beide Seiten dazu angehalten, dafür zu sorgen, dass es auch in Zukunft so bleibt.

Aber zurück zum Thema `Extrem`. Ist das, was wir `unserem liebsten Hobby frönen` nennen, heutzutage noch extrem ?
Wer sich mit dem Thema Extrem und Sport etwas auseinandersetzt, wird feststellen, dass wir (Jungen wie Älteren in der Truppe) eigentlich als unterdurchschnittliche Hobby-Gelegenheits-Sportler mit technischem Spieltrieb durchgehen.
Man nehme sich nur mal ein paar Beispiele aus der EOFT (wer`s nicht kennen sollte – einfach mal googeln) vom letzten Jahr:
– Birdman nennt sich der Bericht über (aus eigener Sicht gar nicht extreme) WSBJ (nächste Abkürzung, um die heute eh schon geschwinde Welt nochmals zu beschleunigen) = WingSuitBaseJumper, die sich von steil abfallenden Bergklippen in die Tiefe stürzen und dann mit aberwitziger Geschwindigkeit möglichst nahe über dem Boden dahinrasen. Nein, nicht um bald zu sterben, sondern um das Leben `intensiv` zu erleben…
– The Swiss Machine ist der durchaus gelungen Titel über einen schweizer Extrem-Speed-Climber, der die Eiger Nordwand im ungesicherten Alleingang in konkurrenzlosen 2h 47min bezwungen hat – und davob spricht, auf jeden Fall irgendwann mal unversehrt in Rente zu gehen…
– Daneben sieht der Canyoning-Guru fast schon blass aus, wenn er seine 20-30m-Sprünge in engste Wasserfall-Becken zum Besten gibt…
– Schon mal was von Roofern gehört ? Ja, das ist diese neuartige Jugendbewegung, entwickelt von gelangweilten (oder frustrierten) russischen Jugendlichen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Hochhäuser, Kräne, Sendemasten, etc. zu erklimmen und in waghalsiger (selbstmörderischer ?) Art und Weise, dort `abzuhängen`…
Diese Auflistung liesse sich noch beliebig erweitern, für uns sicher mit von Interesse sind die unter österreichischer Leitung inszenierten HighEnd-Sport-Events eines Energydrink-Herstellers (Blaue Kuh oder so ähnlich): egal ob Downhill-Extreme, Street-Jump-Events oder Rampage mit Bikes im Gelände, das andere nur mit Kletterausrüstung besuchen würden…

Es zeigt sich also, was wir so treiben, ist eigentlich – aus heutiger Sicht der Dinge – langweiliges, gemütliches Abhängen in freier Natur mit Freunden, um alltagsgeplagter Wochenend-Couch-Marathon-Fernseh-Sitzung vorzubeugen.
Heutzutage muss alles immer noch riskanter, spektakulärer, extremer, ausgefallener sein und dann natürlich – dem Trieb folgen auch wir – allen, die`s interessiert (oder auch nicht) via Internet in Bild (und/oder Bild und Ton, sprich Film) nähergebracht werden.

Wie leicht verliert man bei all der Reizüberflutung sportlicher Höchstleistungen aus Fernsehen und WorldWideWeb die richtige Einschätzung der eigenen sportlichen Leistungen.
Und die Sache hat durchaus (wie alles im Leben) 2 Seiten:
– einerseits ist man selbst getrieben von der Notwendigkeit, es muss immer alles schneller, weiter, höher, steiler, kniffliger sein als beim letzten mal (wer erinnert sich denn noch an das erste `tolle Erfolgserlebnis`, als er – kurz nach dem Erlernen des Fahradfahrens – das allererste mal über eine Gesteigkante `gesprungen` ist ?). Im Vergleich mit der professionellen Sportwelt sind wir alle nur `müde zu belächelnde` Witzfiguren.
– andererseits gibt es da die `reale` Welt  – durchaus nicht fernsehtauglicher und zumeist auch nicht mit Begriffen wie extrem und am Limit zu bezeichnender – Alltagssportler oder Naturbegeisterter, die nicht einmal die Bezeichnung  `sportlich` verdient haben. Und für diese, wahrscheinlich deutlich grössere Masse als die vorig beschriebene, dünn besiedelte Elite, stellen wir bereits eine durchaus `als nicht ganz normal anzusehende` Randerscheinung dar, die es entweder zu bestaunen, oder aber eben zu verteufeln gilt. Kann man Ihnen dies wirklich verübeln ?
Wohl kaum – denn wenn wir eins im Alltag gelernt haben: Es kommt immer auf den Blickwinkel an, mit dem Dinge (oder ebenauch Xitrailer) von anderen beurteilt werden.

So – nach diesem unerwarteten Ausflug in die psychischen Tiefen einzelner (ev. aufgrund von Einsamkeit ins Grüblerische verfallener) Xitrailer kehre ich zurück auf die Spuren, die ich heute gezogen hab. Starthilfe per (frühmorgendlich erster) Bahn, dann Bike geschultert und ein paar frisch-(windig-)fröhliche Höhenmeter hochgetragen, die nicht ganz wolkenlose, aber dennoch traumhafte Aussicht genossen, um sich dann – nach Verpacken in (wärmende und felsabweisende) Schutzkleidung – dem eigentlichen Vergnügen hinzugeben.
Und siehe da, nach nur wenigen  Metern bergab, den ersten ruppigen Steinpassagen, bikefreundlichen Absätzen und (oh suuuper) nahezu trockenen Spitzkehren lösen sich alle vorig angehäuften Gedanken in luftiges Nichts auf 😉
Und man kommt auf die simple, aber zutreffende Formel: Nicht, ums aller Welt zu beweisen, nicht um andere zu ärgern, nicht um das Leben grundsätzlich zu verändern. Nein, einfach nur weil`s Spass macht und Körper und Seele gut tut (vom Bike reden wir an dieser Stelle bewusst nicht) !
Schliesslich haben die ruhigen Passagen durch filmreifen, grünbemoosten Herbstwald ebenso begeistert, wie die Fahrt über scheinbar `meterdicke` Nadelteppiche, vorbei an Natur in Ihrer schönsten Pracht.
Da sieht man Rehe bei der Anfahrt am Morgen und die Gämsen beim Rauftragen dann nur noch als zusätzliches Schmankerl der Tour, das letzte fehlende i-Tüpfelchen.
Zuguterletzt will ich aber nicht verschweigen – die kleinen, technischen Leckerbissen zwischendurch (mal mehr, mal weniger knifflig) gehören da einfach zu einer feinen Tour dazu wie das Salz in die Suppe. Und damit wird aus der `Irgendjemandes-Mountainbike-Tour` zu guter letzt doch eine echte Xitrail-Tour…

Beim nächsten mal gerne wieder zusammen…
…mit und ohne sonderbare Gedanken !

Ride on
Jürgen

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