Featured Video Play Icon

Aufmerksame Xitrail-Leser mögen sich vielleicht noch daran erinnern – es war der 25.05.2014 als unter dem Titel `Gehversuch I` ein erster Testlauf an einem bekannten Klettersteig im Ländle stattfand. Hauptakteur war dabei – neben zwei bekannten Bikern – ein auf den Rucksack geschnalltes Scott Genius LT, ein echt schwerer Brocken. Der Testlauf verlief sehr positiv, das Handling war gewöhnungsbedürftig, die (zugegeben überschaubare) Strecke gut machbar. Also beste Voraussetzungen, um den grossen Plan mit rund 450 Hm schönster, senkrechter Felswand in Angriff zu nehmen. Tja, das ist nun 4 1/2 Jahre her.

Das grosse Abenteuer wurde verschoben: Weil`s andere Touren gab, weil`s doch für ne blöde Idee gehalten wurde, weil`s wieder in Vergessenheit geriet, weil`s zu viel Schnee hatte oder weil grade einer im Urlaub war. Dann kam dieser Sommer, die Idee wurde wieder aufgegriffen, erneut mehrfache Verschiebung, dann letztlich kurzer Wintereinbruch und – doch wieder alles vergebens ?

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Aber da, der goldene Herbst solls richten, der Tag ist fixiert. Und, die Absage – unser Support, Werner, muss kurzfristig passen. War`s das ?
Nein. Alex und ich machen uns gegenseitig Mut und beschliessen, die Sache mit nur einem Supporter (nein, nicht Sherpa), durchzuziehen: Marco bringt unseren gewichtigen Kleinkram zum Gipfel. Also GO…

06:30 Treffpunkt, rund 90min. Anfahrt zum hochgelegenen Startplatz, Bikes absatteln und mit wenigen Höhenmetern zur Hütte hochkurbeln, während Marco parkt und zu Fuss nachkommt. Dann heisst`s erst mal: In bislang nur trocken geübter Manier Bikes verpacken und ordentlich am Rucksack festzurren. Klettersteigset anlegen und Bike auf den Rücken stemmen. Da kommt erste Vorfreude auf (zum Glück ist mein Bike inzwischen einem leichteren Karbon-Speci gewichen, Alex stemmt sein altgedientes Trek einfach mit der Kraft der Jugend) und wir marschieren zu dritt mit 2 Bikes zum Einstieg. Das Wetter ein wolkenloser Traum in Blau bei Temperaturen wie im Sommer. Zum Glück sind dennoch nur wenige Bergfreunde im Steig unterwegs.

Also – lassen wir das Abenteuer beginnen: Ich steige als erster ein, Marco als Allzeit-Bereit in der Mitte, gefolgt von Alex. Das sperrige Gepäck am Rücken lässt sich etwas gewöhnungsbedürftig an, aber mit jedem Meter steigt die Sicherheit und auch die Höhe. Ein paar kaminartige Verschneidungen machen uns das Leben zunächst schwer, aber letztlich lässt uns die offene, senkrechte Wand die Freiheit, die wir brauchen. Nach und nach fällt die Schotterhalde des Zustiegs unter uns ab und wir wissen – jetzt gibt`s endgültig kein Zurück mehr. Nach rund 1.5h legen wir auf halber Höhe eine kurze Rast ein – Klettersteiggeher vor uns scheinen etwas mit Ihrer Kondition zu kämpfen. Wir warten ab, wollen nicht mitten im leichten Überhang `auflaufen`, weil zu schnell.

Dann aber, auf zu kniffligen Querungen, senkrechten Überhängen, Seilbrücke und Leiterweg. Die Luft wird dünner und spürbar frischer, der Anblick auf den tiefgrünen See in der Tiefe zeigt an – es ist nicht mehr weit: Das Ende des Seils verspricht das Finale, noch wenige Meter einfacher Kletterei und das Gipfelkreuz verkündet das Ziel eines langen Weges. Die Freude, wohl als Erste die Bikes über den Steig zum Gipfel getragen zu haben, ist riesig. Genauso wie die Überzeugung, dies kein zweites mal zu machen.
Nach erstaunten Blicken und `das-glaubt-mir-sonst-keiner-Fotos` einiger Gipfelstürmer machen wir unsere Bikes wieder fahrtauglich und machen uns an die wohlverdiente (wenn nicht weniger anspruchsvolle) Abfahrt. Doch etwas erschöpft vom Aufstieg wählen wir den kürzesten Weg Bergab, rollen über bekannte Felsbänke, rutschen Schotterhalden hinunter, surfen feinste Wandertrails und rollen letztlich über flowige Wiesenpfade Richtung Tal. Ein paar unverhoffte Höhenmeter über ruppige Kuhpfade fordern noch die letzten Körner, bevor wir uns auf ein wohlverdientes Getränk in die Sonne setzen.

Ein letzter Blick hoch zum Gipfel, die Wand entlang, den Weg nur erahnend, den wir Stunden zuvor erklommen haben. Dann war`s vorbei, das lange geplante Abenteuer. Die einen werden sagen `verrückte Spinner`, die andern `voll geil ey, starke Sache`. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Aber eins war`s auf jeden Fall – echt Xitrail eben. Danke Freunde.

Ride on, Jürgen

Schreib einen Kommentar